
Die eigene Oma über ihre Vergangenheit ausfragen – klingt nicht nach klassischem Videospielstoff. Meine Oma(88) macht daraus ein ungewöhnliches Spiel über Erinnerung, Schweigen und verdrängte Familiengeschichte. Unser Hands-on war spannend und teils unangenehm – gerade weil das Spiel einem auch das eigene Verhalten vor Augen führt.
Oma erzählt eine Geschichte. Man hört zu – und plötzlich stimmt etwas nicht. Also nachfragen? Eigentlich selbstverständlich. Bis auf der anderen Seite eben die eigene Großmutter sitzt. Daraus zieht Meine Oma(88) seine Stärke. Wir bewegen uns durch die Erinnerungen einer Oma, suchen nach Widersprüchen und entscheiden, wann wir sie mit unangenehmen Fragen konfrontieren. Dabei geht es um Schweigen, verdrängte Familiengeschichte und ihre Folgen.
Aber Oma hat doch gesagt …
Oma ist nicht einfach eine Figur, die Informationen liefert, sondern gewissermaßen auch unsere Gegenspielerin. Drängen wir zu stark, verschließt sie sich. Lassen wir alles stehen, bleiben wir an der Oberfläche. ROTxBLAU Creative Director Alexander Zenker bringt die Motivation dahinter treffend auf den Punkt: „Die Spielmotivation hinter dem Spiel ist vor allem Neugierde.“ Diese Neugier steht jedoch im Konflikt mit der Beziehung zur Großmutter.
Fortschritt bedeutet hier nicht einfach, den richtigen Hinweis zu finden. Man muss sich selbst immer überwinden: Soll ich wirklich nachfragen? Muss ich diese Aussage infrage stellen? Oder lasse ich sie lieber stehen?
Dadurch hält einem Meine Oma(88) den Spiegel vor. Normalerweise wollen wir in Spielen gewinnen und die „richtige“ Entscheidung treffen. Hier kann genau dieser Instinkt zum Problem werden.
Infos zum Spiel
- Titel: Meine Oma(88)
- Release: 2026
- Entwickler: ROTxBLAU
- Offizielle Website
Erinnerungen dürfen auch seltsam aussehen
Optisch fällt das Spiel sofort auf. Der handgezeichnete Stil passt hervorragend zum Thema. Erinnerungen werden nicht wie sauber rekonstruierte Räume behandelt, sondern dürfen sich verschieben und brechen. Während unserer Session gefiel uns dieser Ansatz gut. Spielerisch machte die Demo ebenfalls einen runden Eindruck: Die Steuerung war flüssig, Interaktionen schnell verständlich und die Erzählstruktur führte uns gut durch die einzelnen Situationen.
Hinter der Geschichte stehen reale Erfahrungen. Für das Projekt wurden zahlreiche Erinnerungen aus Familien gesammelt und mit Erlebnissen des Teams verbunden. Beratend begleitet wird die Entwicklung von Dr. Jürgen Müller-Hohagen, der sich mit den psychischen Nachwirkungen des Nationalsozialismus und deren Weitergabe über Generationen beschäftigt.
Wie klingt eigentlich Schweigen?
Besonders stark ist der Sound. Zenker stellte seinem Team die Frage: „Was bedeutet Schweigen als Sound?“ Die Antwort ist nicht völlige Stille. Stattdessen treten Geräusche in den Vordergrund, die wir sonst kaum wahrnehmen: das Summen einer Lampe, Raumklang, Nebengeräusche.
Als Inspiration nennt Zenker David Lynch sowie Spiele wie Inside und Limbo. Die reduzierten Soundscapes sollen nicht permanent Emotionen vorgeben, sondern Nähe erzeugen – manchmal sogar eine unangenehme.
Das passt hervorragend zum Thema. Schweigen ist hier keine Leerstelle. Es erzählt selbst etwas über Distanz, Einsamkeit und darüber, was passiert, wenn Menschen bestimmte Dinge nicht miteinander teilen. Der Sound wird damit selbst Teil der Erzählung.
Vielleicht ruft man danach wirklich Oma an
Unser bisheriger Eindruck fällt sehr positiv aus. Die Idee ist ungewöhnlich, der Grafikstil eigenständig und die Mechanik rund um Vertrauen und Widerspruch zahlt direkt auf das Thema ein. Vor allem schafft es Meine Oma(88), eine bemerkenswerte Hürde aufzubauen: Man weiß, dass man Fragen stellen sollte – und muss sich trotzdem jedes Mal ein kleines Stück dazu überwinden.
Zenker sagt im Interview, das Team habe bereits viel erreicht, wenn Spieler danach bewusster mit ihren Großeltern sprechen. Sein Wunsch sei, dass man sich nach dem Spielen besser fühlt als vorher – und vielleicht etwas mehr über sich selbst oder einen Teil der Welt verstanden hat.
Ersteindruck
Meine Oma(88) verbindet ein schwieriges Thema mit einer starken Spielidee. Grafikstil, Erzählstruktur und das Zusammenspiel aus Vertrauen und Widerspruch funktionieren bereits sehr gut. Vor allem die Gespräche bleiben hängen, weil man selbst die Hürde überwinden muss, unangenehme Fragen zu stellen. Der reduzierte Sound verstärkt dieses Gefühl zusätzlich. Ein ungewöhnliches und bislang sehr gelungenes Spiel.







