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Mass Effect: Der Soundtrack einer Gamer-Generation. - Copyright: BioWare
Mass Effect: Der Soundtrack einer Gamer-Generation. – Copyright: BioWare

Zum N7 Day am 7. November hören wir genauer hin. Wie wurden aus den weichen Synthesizern von Mass Effect der Druck der Selbstmordmission und die leisen Klaviermomente des Finales? Ein Hörvergleich von der Normandy bis Andromeda, mit Sascha Dikiciyan aus dem ICO-Radio-Archiv.


Am 7. November, dem N7 Day, reicht mir das Intro des ersten Mass Effect, und ich bin wieder an Bord der Normandy. Wie viele Stunden ich dort verbracht habe, weiß ich gar nicht mehr. An manche Feuergefechte erinnere ich mich nur in Fetzen. Dafür sehe ich Shepard noch ziemlich deutlich auf der Tanzfläche im Flux. Immerhin hat der Commander bei der Rettung der Galaxie mehr Taktgefühl bewiesen. Und dann gab es da noch die Abende, an denen sich die Musik und die Gespräche mit der Crew so gut ergänzten, dass ich noch eine Runde durchs Schiff lief, bevor es mit der nächsten Mission weiterging.

Diese Erinnerungen liegen klanglich ziemlich weit auseinander. Die Musik gibt dem Schiff, der Crew und selbst der Galaxiekarte einen eigenen Ton. Über die Reihe hinweg ändert sich, was diese Klänge für uns bedeuten. Zwei Auftritte der Normandy machen das hörbar.

Mass Effect – Wie die Normandy nach Zuhause klingt

Der erste Teil von 2007 hat diesen weichen, leicht schwebenden Synthesizerklang, der selbst in der Kälte des Weltraums etwas Vertrautes bekommt. Jack Wall und Sam Hulick prägten den Score, Richard Jacques und David Kates steuerten weitere Musik bei. Vangelis und Tangerine Dream waren Bezugspunkte. Hulick zufolge sollten Synthesizer und akustische Instrumente im selben Hallraum klingen. So wirken beide, als kämen sie aus derselben Welt.

Das „Mass Effect Theme“ führt das gleich vor. Auf die tiefen Synthesizerpulse folgt bei etwa 1:10 die Melodie, die Hulick als Shepards Thema bezeichnet. Das ist die Stelle, die ich im Kopf mitsummen kann. Auf der Galaxiekarte funktioniert „Uncharted Worlds“ anders. Der gleichmäßige Synthesizerpuls hält die Musik in Bewegung, während ich in meinem Tempo die Sternensysteme durchsehe. In Hulicks „The Normandy“ reichen anderthalb Minuten schwebender Synthesizer, um dem Schiff einen eigenen Klang zu geben. Für mich war es irgendwann ein zusätzliches Crewmitglied. Auf diese Vertrautheit baut Teil zwei. Für die großen Wendepunkte rückt das Orchester nach vorn.

Mass Effect 2 – Wenn aus der Rückkehr ein Wiedersehen wird

Bei der Enthüllung der Normandy SR-2 gönnt die Musik dem Schiff einen Auftritt. In „The Normandy Reborn“ von Jack Wall treiben wiederholte Streicherfiguren das Stück an. Das Blech übernimmt Shepards Thema, ein Cello nimmt zwischendurch den Schwung zurück. Das erste Stück gibt dem Schiff einen Klang für den Alltag. Das zweite macht aus seiner Rückkehr ein Ereignis. Shepards Melodie verbindet das neue Schiff mit dem, was beide schon erlebt haben.

Wall teilte ganze Levels unter den Komponisten auf, damit die Crewmitglieder eine eigene musikalische Handschrift bekamen. Auf dem Album bündeln Suiten die Musik ihrer Missionen. „Garrus“ findet aus einem ruhigen Beginn in einen rollenden Rhythmus, „Thane“ öffnet mit verhalltem Klavier. Von der Selbstmordmission ist mir besonders das biotische Schutzfeld geblieben. Ich musste kämpfen und zugleich im Schutzfeld von Samara bleiben. „The Long Walk“ auf dem Combat-Album gehört zu diesem intensiven Spielabschnitt. Jack Walls „Suicide Mission“ zieht mit drängenden Streichern und Schlagwerk den Bogen über die einzelnen Gefechte.

Mass Effect 3 – Wie vertraute Klänge zum Abschied werden

Wo der zweite Teil auf das Finale zudrängt, rückt der dritte schon beim Aufbruch den Verlust ins Zentrum. Clint Mansells „Leaving Earth“ beginnt mit wenigen Klaviertönen. Die tiefen Stöße der Reaper fahren dazwischen und lassen das Klavier beinahe untergehen. In Sam Hulicks „I Was Lost Without You“ dürfen die Töne ausklingen. Dabei denke ich an die intimen Momente mit der Crew, die mir neben den vielen Kämpfen im Gedächtnis geblieben sind. Auch die Elektronik bleibt präsent. In „Mars“ steigert Hulick einen leisen Synthesizerklang zur Musik für eine Verfolgungsjagd.

In unserem ICO-Radio-Interview von 2012 beschreibt Sascha Dikiciyan diesen Spielraum. Für Space Marine habe er freier experimentieren können. Bei Mass Effect 3 habe die Musik in eine Klangwelt passen müssen, die das Publikum längst kannte. Innerhalb dieses Rahmens habe das Team trotzdem neue Möglichkeiten gefunden. Was das bedeuten kann, zeigt „The Ardat Yakshi“ von Dikiciyan und Cris Velasco. Das Stück steigert sich bis zur Mitte, dann tritt eine Klaviermelodie hervor. Die Bedrohung wirkt noch nach, während das Klavier den Blick auf die Figuren lenkt. Gerade deshalb klingt es hier anders als im Liebesthema.

In „An End, Once and for All“, das Hulick mit Mansell schrieb, kehrt das Hauptthema bewusst zurück. Aus der Klavieridee von „Leaving Earth“ und dem anschwellenden Orchester wächst bei etwa 1:38 die Melodie, die im ersten Spiel nach dem Synthesizerauftakt im Blech hervortritt. Was dort den Aufbruch begleitet, bekommt hier das Gewicht eines Abschieds.

Andromeda und Austin Wintory – Was von der Klangwelt bleibt

Mit neuer Crew und neuer Galaxie hatte Mass Effect: Andromeda 2017 mehr Freiheit als der Abschluss von Shepards Geschichte. In John Paesanos „A Better Beginning“ wiederholt sich ein Motiv, das mit jeder Runde mehr orchestrales Gewicht bekommt. Das gibt dem Aufbruch Richtung, während der Puls von „Uncharted Worlds“ die Erkundung offenhält. Paesanos Thema passt zu Ryders Neuanfang. Es könnte für mich aber auch ein anderes Science-Fiction-Abenteuer eröffnen. Die Galaxiekarte erkenne ich am Klang sofort wieder. In „Heleus“ finde ich etwas von der Neugier des ersten Teils.

Austin Wintory setzte bei Wall und Hulick an. Sein Vorschlag war, analoge Synthesizer und Orchester enger zu verzahnen. Während der Gespräche über eine mögliche Mitarbeit nahm er auf eigene Initiative musikalische Entwürfe auf. Er veröffentlichte seinen Vorschlag im Oktober 2026, nachdem BioWare die Studioschließung und das Ende der frühen Entwicklung des nächsten Mass Effect bekannt gegeben hatte. In „Scanning“ gibt eine elektronische Fläche dem Suchen wieder so viel Zeit wie „Uncharted Worlds“. Darin klingt für mich auch „Vigil“ an. Für mich steckt in dieser kleinen Skizze viel vom alten Charme der Reihe.

Wenn ich heute wieder auf „Uncharted Worlds“ klicke, denke ich zuerst ans Warten vor der Galaxiekarte. Da war noch ein System, das ich abfliegen wollte, und irgendwo auf der Normandy jemand, mit dem ich noch reden konnte. Die Musik gab mir Zeit für beides. Vielleicht ist das der Grund, warum ich immer noch so gern zurückkomme.


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