
Sebastian Grunewalds Musik zu REKA erzählt von einer Welt, in der Gemütlichkeit und Unbehagen dicht beieinanderliegen. Rebec, Domra und Streicher geben dem Hexenabenteuer eine eigene Farbe – und lassen den Herbst oft kälter wirken, als es das gemütliche Häuschen auf Hühnerbeinen vermuten lässt.
Dieser Soundtrack legt einem selten eine warme Decke um die Schultern. Er schickt einen eher noch einmal vor die Tür. Dorthin, wo die Luft kalt ist, der Boden feucht und hinter den Bäumen etwas wartet, das sich nicht sofort zu erkennen gibt. Sebastian Grunewalds Musik zu REKA hat durchaus ihre helleren Momente. Doch selbst wenn sich die Stimmung öffnet, bleibt die Schwere der übrigen Stücke in Erinnerung.
Seit dem 30. Oktober 2026 ist das Album mit 36 Tracks erhältlich. Zur Version 1.0 wurde der zuvor bereits auf Steam angebotene Soundtrack erweitert und auf den großen Streaming-Plattformen veröffentlicht. Ein guter Anlass, genauer hinzuhören. Denn mit „atmosphärisch“ und „herbstlich“ ist zwar wenig falsch, aber noch nicht viel über diese Musik gesagt.
Ein Zuhause in einer fremden Welt
REKA verbindet das Bauen und Einrichten einer eigenen Hütte mit Hexenkunst und einer von slawischer Folklore inspirierten Welt. Unter Baba Jagas Anleitung erkunden wir herbstliche Wälder; unser Zuhause läuft auf Hühnerbeinen mit. Darin steckt bereits eine Spannung, die auch den Soundtrack interessant macht: Wir können uns einrichten, ohne dass uns die Welt deshalb vollständig vertraut werden muss.
Beim Hören wirkt die Musik stellenweise überraschend schwer und düster. Das steht dem gemütlichen Teil des Spiels nicht zwangsläufig im Weg. Es gibt ihm vielmehr ein Gegenüber. Geborgenheit bekommt einen anderen Wert, wenn draußen nicht alles freundlich klingt. Grunewalds Musik lässt Raum für genau diese Lesart: Das Häuschen bietet Schutz, während die Landschaft ihre Eigenheiten und Geheimnisse behält.
Infos zum Spiel
- Release: 26. Oktober 2026 (1.0 Release)
- Plattform: PC
- Entwickler: Emberstorm Entertainment
- Komponist: Sebastian Grunewald
- Offizielle Website
- REKA Soundtrack kaufen
Rebec und Domra: Folklore mit unterschiedlichen Wurzeln
Für den Soundtrack nennt das Label Rebec, Violine, Viola, Cello und Domra; Teile der Musik wurden mit dem Deutschen Filmorchester Babelsberg aufgenommen. Diese Besetzung ist aufschlussreicher als ein pauschales Etikett wie „slawischer Klang“. Sie verbindet Instrumente mit unterschiedlichen historischen und kulturellen Bezügen.
Die Rebec ist ein altes Streichinstrument, das auch im europäischen Mittelalter und in der Renaissance verbreitet war. Ihr häufig als näselnd beschriebener Ton unterscheidet sich vom vertrauten Klang einer Violine. Sie ist also kein eindeutiger musikalischer Herkunftsstempel für Baba Jagas Welt. Als Klangfarbe kann sie aber historische Distanz vermitteln: etwas Fremdes, das sich nicht so glatt in unsere heutigen Hörgewohnheiten einfügt.
Die Domra stellt einen konkreteren Bezug zu osteuropäischen Musiktraditionen her. Das mit einem Plektrum gespielte Zupfinstrument gehört unter anderem zur russischen, ukrainischen und belarussischen Musikkultur. Ihr gezupfter Ton eröffnet eine andere Ausdrucksmöglichkeit als ein gehaltener Streicherklang.
Die Besetzung lässt sich deshalb als Verbindung von folkloristischer Nähe und größerem orchestralen Raum verstehen. Rebec und Domra bringen markante Einzelfarben mit, die Streicher können sie in einen weiteren Zusammenhang stellen. Das macht die Musik nicht automatisch warm. Ein Streichersatz kann ebenso Gewicht und Distanz erzeugen. Genau diese dunklere Seite prägt meinen Eindruck von REKA.
„The River“ und „Barzlin“: Die Schwere bleibt im Gedächtnis
Schon „The River“, der Auftakt des Albums, steht für diese Schwere. Für mich liegt darin weniger das Versprechen eines unbeschwerten Waldspaziergangs als die Ahnung einer Welt, die größer und älter ist als die eigene Geschichte. Stellenweise entstehen Bilder eines kalten Nordens, wie ich sie mit den dunkleren musikalischen Momenten von Game of Thrones verbinde. Das ist eine Assoziation beim Hören, keine Behauptung über Grunewalds Vorbilder.
„Barzlin“ erscheint im Vergleich dazu heller. Hier klart die Stimmung auf, der Soundtrack lässt etwas mehr Licht herein. Gerade im Gegenüber zu „The River“ wird dieser Unterschied greifbar: Die Aufhellung nimmt der Musik nicht rückwirkend ihr Gewicht. Sie schafft einen Kontrast, durch den beide Seiten deutlicher hervortreten.
Bei „Humble Beginnings (Exploration)“ führt meine gedankliche Spur wiederum zum Spiel Pentiment von Obsidian Entertainment und dessen dunklen Momenten. Es ist die Vorstellung einer alten, von Alltag und Glauben geprägten Welt, in der das Unheimliche nicht weit entfernt liegt. Auch dieser Vergleich beschreibt vor allem eine empfundene Nähe. REKA geht darin nicht auf.
Diese drei Stücke bieten einen guten Einstieg: erst „The River“, dann „Humble Beginnings (Exploration)“, schließlich „Barzlin“. So lässt sich der Wechsel zwischen Schwere und Aufhellung gezielt verfolgen, statt den gesamten Soundtrack unter einer einzigen Herbststimmung zusammenzufassen.
Kein zweiter Witcher
Bei slawisch geprägter Fantasy liegt der Gedanke an The Witcher nahe. Doch mit der musikalischen Wucht und rauen Direktheit, die ich mit dessen Soundtracks verbinde, hat REKA für mein Empfinden wenig gemein. Verwandte folkloristische Farben lassen sich stellenweise heraushören. Sie führen hier aber zu einem anderen Ausdruck.
Wo ich bei The Witcher an brachiale Energie denke, bleibt mir bei REKA eher eine lastende Dunkelheit im Ohr. Die Musik muss nicht nach vorne drängen, um eindringlich zu sein. Ihre Schwere passt zu einer Märchenwelt, deren rätselhafte Seite auch dann bestehen bleibt, wenn wir uns in ihr ein Zuhause schaffen.
Wer vor allem eine sanfte Begleitung für gemütliche Herbstabende sucht, könnte deshalb von diesem Album überrascht werden. Mich überzeugt gerade diese Eigenständigkeit. Die Erinnerungen an andere Spiele und Serien helfen zunächst bei der Orientierung, reichen aber nicht aus, um Grunewalds Musik zu beschreiben. REKA findet zwischen altertümlichen Klangfarben, folkloristischen Bezügen und dunkler Schwere eine eigene Identität. Die warme Stube ist da. Doch lange hält uns dieser Soundtrack nicht darin.



