
Verlust, Trauer und die Frage, wie man nach einem Schicksalsschlag überhaupt weitermacht: Forever Ago behandelt kein neues Thema, findet dafür aber sehr persönliche Bilder. Third Shift schickt uns auf einen melancholischen Roadtrip voller Erinnerungen, starker Gespräche und wunderschöner Musik – und trifft damit erstaunlich oft genau ins Herz.
Alfred hat einen Menschen verloren, der sein Leben geprägt hat – seine Frau Audrey. Und eigentlich scheint er seitdem auch selbst ein Stück weit stehen geblieben zu sein. Also steigt er in seinen Van und fährt nach Norden. Nicht, weil ein Roadtrip plötzlich alles reparieren könnte, sondern weil irgendwo zwischen alten Erinnerungen, neuen Begegnungen und ziemlich viel Landschaft vielleicht doch noch etwas wartet, das ihn wieder nach vorne schauen lässt.
Forever Ago erzählt von Verlust, Liebe, Reue und Loslassen. Das ist thematisch alles andere als neu. Up hat uns damit schon in wenigen Minuten das Herz gebrochen, Spiele wie Closer the Distance haben Trauer ebenfalls zum Mittelpunkt gemacht. Third Shift findet trotzdem einen eigenen Zugang, weil Alfreds Reise nicht nur traurig sein möchte. Über allem liegt eine bittersüße Melancholie, die immer wieder von Wärme, Humor und echter Zuneigung durchbrochen wird.
Erinnerungen auf vier Rädern
Alfred ist dabei ein wunderbar sperriger Protagonist. Vom Schicksal gezeichnet, manchmal grimmig und in Gesprächen nicht unbedingt der Mensch, den man spontan zum nächsten Spieleabend einladen würde. Gleichzeitig zeigen seine Begegnungen schnell, dass deutlich mehr in ihm steckt.
Gerade die Dialoge sind eine der großen Stärken. Alfred trifft auf Menschen mit eigenen Geschichten, Ansichten und Problemen, während Rückblicke Stück für Stück seine Beziehung zu Audrey zusammensetzen. Dadurch wird er nicht auf den traurigen alten Mann reduziert. Seine Wärme, Unsicherheit und sein trockener Humor machen ihn genauso aus wie seine Trauer.
Und genau deshalb fällt es erstaunlich schwer, emotional auf Abstand zu bleiben. Das Spiel zwingt seine Gefühle selten mit Gewalt auf, sondern lässt Erinnerungen entstehen und wieder verschwinden. Man weiß, wohin vieles davon führt – und hofft trotzdem ein bisschen, dass die Vergangenheit vielleicht doch noch einen anderen Ausgang nimmt.
Infos zum Spiel
- Release: 7. Oktober 2026
- Plattform: PS5, Xbox Series X|S, PC, Nintendo Switch 2
- Entwickler: Third Shift
- Offizielle Website
Eine Story, die das Gameplay trägt
Spielerisch bleibt Forever Ago bewusst ruhig. Wir erkunden Landschaften, untersuchen Gegenstände, reden mit Menschen und halten Erinnerungen mit Alfreds Sofortbildkamera fest. Diese kommt auch bei kleinen Umgebungsrätseln zum Einsatz, wird aber nie zu einem komplizierten Gameplay-System.
Das könnte man als spielerisch dünn kritisieren, für mich passt es aber gut zum Erzählfluss. Forever Ago braucht keine großen Herausforderungen, um beschäftigt zu halten. Das Gameplay gibt der Geschichte Raum und sorgt dafür, dass wir Alfreds Reise selbst erleben, statt nur einer langen Zwischensequenz zuzusehen.
Hinzu kommt die wunderschöne visuelle Gestaltung. Wälder, Wüsten und ruhige Aussichtspunkte werden von warmen Farben getragen, die beinahe im Gegensatz zur Schwere der Geschichte stehen. Genau daraus zieht das Spiel viel von seiner Wirkung: Trauer sieht hier nicht permanent grau aus.
Wenn Melancholie wunderschön klingt
Eine mindestens ebenso wichtige Rolle spielt die Musik. Den Original-Soundtrack hat Clark Aboud komponiert, der unter anderem durch Slay the Spire und Kind Words bekannt ist. Der 30 Stücke umfassende Score arbeitet mit Streichern, Gitarren, Klavier, Klarinette und stellenweise Gesang und trifft diese Mischung aus Traurigkeit und vorsichtiger Hoffnung hervorragend.
Die Musik legt sich wie eine warme Decke über Alfreds Reise, ohne jede emotionale Szene mit einem musikalischen Ausrufezeichen versehen zu müssen. Gerade ruhigere Stücke geben Erinnerungen Raum und machen manche Momente fast noch schwerer auszuhalten, während andere Passagen überraschend hoffnungsvoll wirken.
Auch die englische Vertonung trägt enorm viel. Piotr Michael spricht den älteren Alfred, während Cissy Jones, bekannt unter anderem aus Firewatch, Audrey ihre Stimme leiht. Andrew Russell und Saydee Dickinson übernehmen die jüngeren Versionen der beiden Figuren. Besonders Alfred und Audrey profitieren davon: Ihre Dialoge klingen nach einer Beziehung mit Geschichte und nicht nach zwei Figuren, die einem gerade ihre Charakterbiografie vorlesen.
Die Soundkulisse hält sich passend dazu häufig zurück. Naturgeräusche, Fahrzeuge und kleine Umgebungsdetails dürfen zwischen den Gesprächen atmen und sorgen dafür, dass sich der Roadtrip nicht wie eine Aneinanderreihung emotionaler Szenen anfühlt.
Forever Ago macht dabei etwas sehr Schönes: Es erzählt nicht davon, einen geliebten Menschen irgendwann einfach hinter sich zu lassen. Alfreds Reise handelt eher davon, mit der Erinnerung weiterleben zu können. Das führt zu einem Spiel, das traurig sein darf, ohne Hoffnungslosigkeit mit Tiefe zu verwechseln. Manche Momente treffen hart, andere zaubern ein Lächeln ins Gesicht. Und genau diese Mischung macht den Roadtrip so glaubwürdig.
Fazit:
Forever Ago ist ein wunderschöner, bittersüßer Roadtrip über Verlust, Liebe und die Erkenntnis, dass Loslassen nicht Vergessen bedeutet. Das ruhige Gameplay ordnet sich angenehm der Geschichte unter, die Figuren sind hervorragend geschrieben und Alfred entwickelt sich von einem zunächst grimmigen, verschlossenen Mann zu einer erstaunlich vielschichtigen Figur. Besonders stark sind jedoch die Dialoge und die audiovisuelle Gestaltung: warme Bilder, überzeugende Sprecher und Clark Abouds wunderschöner Score tragen die Melancholie, ohne sie zu erdrücken. Das Thema mag nicht neu sein – berührt hat mich Forever Ago trotzdem.







