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Spirittea
Spirittea – Copyright: Chessmaster Games

Ein kleines Dorf, ein vergessenes Badehaus und jede Menge Geister: Spirittea verbindet Cozy-Life-Sim, Management und wunderbar schräge Geschichten zu einem der charmantesten Genrevertreter der vergangenen Jahre.


Es gibt offenbar eine wichtige Regel für Cozy-Games: Wer sein altes Leben hinter sich lässt, nimmt den Bus. Auch in Spirittea kommen wir auf diese Weise in einem kleinen Dorf an – allerdings nicht, um eine Farm zu übernehmen oder einen Supermarkt zu eröffnen.

Unser Charakter ist Schriftsteller und sucht eigentlich nur etwas Ruhe, um endlich sein Buch fertigzustellen. Nach einer Begegnung mit einer ziemlich besonderen Teekanne nimmt dieser Plan jedoch eine unerwartete Wendung. Plötzlich können wir die Geister sehen, die überall im Dorf ihr Unwesen treiben. Und mit Wonyan bekommen wir einen spirituellen Begleiter an die Seite gestellt, der uns schließlich zu einem alten Badehaus führt. Spätestens hier war es um uns geschehen.

Ein bisschen wie Chihiro – und das ist durchaus beabsichtigt

Wer Hayao Miyazakis Chihiros Reise ins Zauberland beziehungsweise Spirited Away kennt, dürfte sich im Badehaus sofort heimisch fühlen. Geister empfangen, ihnen ein Bad einlassen und dafür sorgen, dass es den teilweise ausgesprochen merkwürdigen Gestalten an nichts fehlt – Spirittea vermittelt immer wieder das Gefühl, selbst in einem kleinen Ausschnitt eines Ghibli-Films gelandet zu sein.

Das Interessante daran: Dieser Eindruck ist keineswegs zufällig. Entwickler Dan Beckerton nennt Studio-Ghibli-Filme wie Spirited Away und Mein Nachbar Totoro selbst als Inspirationsquellen für das Spiel. Auch seine Zeit in Südkorea sowie Reisen durch Japan, Taiwan und Vietnam flossen in die Gestaltung der Welt ein.

Dabei kopiert Spirittea seine Vorbilder nicht einfach. Es entwickelt ziemlich schnell einen eigenen Charme – und das, obwohl die Pixelgrafik farblich teilweise deutlich zurückhaltender daherkommt als bei manch anderem Cozy-Game. Gerade diese etwas gedecktere Optik passt aber erstaunlich gut zur mystischen Atmosphäre.

Infos zum Spiel

  • Release: 13. November 2023
  • Plattform: PS5, Xbox Series X|S, PC, Nintendo Switch
  • Entwickler: Cheesemaster Games
  • Offizielle Website

Handtücher, Holz und anspruchsvolle Geister

Das Herzstück ist natürlich das Badehaus. Und das ist weit mehr als eine hübsche Kulisse.
Handtücher müssen gewaschen und getrocknet, Holz gehackt und die Becken auf Temperatur gehalten werden. Gleichzeitig wollen immer neue Geister hereingelassen, zu ihren Bädern gebracht und anschließend wieder verabschiedet werden. Je größer das Badehaus wird, desto mehr müssen wir gleichzeitig im Blick behalten.

Besonders schön: Die Geister sind keine austauschbaren Kunden. Sie besitzen eigene Vorlieben – und nicht jeder versteht sich mit jedem. Wer seine Gäste einfach wahllos nebeneinander in die Becken setzt, sorgt deshalb nicht unbedingt für Entspannung. Das macht aus dem anfänglich recht simplen Badehausbetrieb nach und nach eine kleine Management-Aufgabe, ohne den Cozy-Charakter zu verlieren.

Genau diese Detailverliebtheit hat uns besonders gut gefallen. Immer wieder entdeckt man neue Kleinigkeiten, Mechaniken oder Eigenheiten der Geister. Und manchmal wollen die übernatürlichen Gäste offenbar gar nicht mehr gehen – selbst im eigenen Zuhause kann man plötzlich Gesellschaft bekommen.

Eigentlich sind wir doch zum Schreiben hier

Fast könnte man darüber vergessen, dass das Badehaus nur einen Teil von Spirittea ausmacht.

Das Dorf selbst steckt voller kleiner Geschichten. Seine Bewohner haben Beziehungen untereinander, Probleme, Eigenheiten und teilweise herrlich schräge Angewohnheiten. Wer sich mit ihnen beschäftigt, bekommt deshalb weit mehr als die üblichen kurzen NPC-Dialoge serviert.

Gerade diese Geschichten haben uns immer wieder überrascht. Mal sind sie lustig, mal ein wenig mysteriös und manchmal tatsächlich spannend. Dazu kommen Freizeitaktivitäten und gemeinsame Unternehmungen mit den Bewohnern. Das Dorf fühlt sich dadurch nicht lediglich wie ein Ort zwischen zwei Badehausschichten an, sondern wie ein wichtiger zweiter Teil des Spiels.

Und dann wäre da natürlich noch Wonyan.

Wonyan hat heute wieder ausgezeichnete Laune

Der katzenartige Geist begleitet uns durch unser neues Leben und gehört für uns zu den besten Figuren des Spiels. Nicht unbedingt, weil er besonders herzlich wäre.

Eher im Gegenteil.

Wonyan wirkt gefühlt permanent leicht genervt, wenig beeindruckt von unseren Aktionen und grundsätzlich so, als müsste er sich mit einem ausgesprochen begriffsstutzigen Menschen herumschlagen. Genau daraus entstehen einige der lustigsten Dialoge von Spirittea. Während viele Figuren ausgesprochen freundlich und herzlich geschrieben sind, sorgt Wonyans latent angefressene Art für einen wunderbaren Kontrast.

Überhaupt funktioniert der Humor erstaunlich gut. Spirittea versucht nicht permanent, einen Gag nach dem nächsten abzufeuern. Die komischen Momente entstehen vielmehr durch Figuren, Situationen und die teilweise ziemlich absurden Geistergeschichten.

nice to know

Die Ähnlichkeit zu Chihiros Reise ins Zauberland ist kein Zufall. Entwickler Dan Beckerton nennt Spirited Away ausdrücklich als Inspiration für Spirittea. Gleichzeitig beeinflussten seine Zeit in Südkorea und Reisen durch mehrere asiatische Länder die Welt des Spiels.

Mehr als genug zu entdecken

Dass es einem dabei so schnell nicht langweilig wird, liegt auch daran, wie viele unterschiedliche Dinge Spirittea miteinander verbindet. Wir betreiben das Badehaus, verbessern unser Zuhause, lernen Dorfbewohner kennen, lösen die Probleme der Geister und versuchen irgendwann vielleicht tatsächlich noch, dieses Buch zu schreiben.

Cheesemaster Games gibt dem Spieler dabei vergleichsweise viel Freiheit. Das eigentliche Ziel ist zwar, das Buch fertigzustellen, doch der Weg dorthin schreibt kaum vor, womit man seine Tage verbringen muss. Das trifft ziemlich genau unseren eigenen Eindruck: Unser Buch war irgendwann fertig – aus dem Dorf abreisen wollten wir deshalb aber noch lange nicht. Und vermutlich ist das eines der größten Komplimente, die man einer Life-Sim machen kann.

Musik, die lieber begleitet als bestimmt

Auch der Soundtrack passt zu dieser zurückhaltenden Art. David Linares hat insgesamt 50 Stücke für Spirittea komponiert – darunter eigene Themen für Jahreszeiten, Tageszeiten, das Badehaus, Geschäfte, Figuren und verschiedene Aktivitäten.

Auf dem Papier klingt das nach enormer musikalischer Vielfalt. Beim Spielen selbst wirkt die Musik allerdings deutlich homogener. Viele Stücke sind bewusst dezent gehalten und begleiten den Alltag eher, als sich in den Vordergrund zu drängen.

Das funktioniert für uns grundsätzlich gut. Gerade im Badehaus oder beim entspannten Herumlaufen fügt sich der Soundtrack angenehm in die Atmosphäre ein und verstärkt dieses leicht verträumte, ostasiatisch geprägte Gefühl des Spiels.

Trotz der stattlichen Anzahl an Tracks hätten wir uns über die lange Spielzeit stellenweise etwas mehr hörbare Abwechslung gewünscht. Viele Melodien erfüllen ihre Aufgabe sehr gut, bleiben dabei aber eher im Hintergrund. Das ist keine große Schwäche – gerade für ein Spiel, in dem man viele Stunden verbringt, hätten ein paar deutlich markantere musikalische Momente der Welt aber zusätzlich Profil gegeben.

Ein bemerkenswert persönliches Projekt

Was Spirittea rückblickend noch beeindruckender macht: Hinter Cheesemaster Games steht im Wesentlichen Dan Beckerton als Solo-Entwickler. Entwicklung, Pixelgrafik und die zahlreichen Systeme stammen größtenteils von ihm; Unterstützung gab es unter anderem durch David Linares bei der Musik sowie Publisher No More Robots beim Testing und der Veröffentlichung.

Bei der Menge an Figuren, Geschichten, Geistern und kleinen Mechaniken ist das durchaus bemerkenswert.

Fazit:

Spirittea war für uns ein echtes Highlight. Das detailreiche Badehaus, die herrlich schrägen Geister und die abwechslungsreichen Geschichten der Dorfbewohner sorgen dafür, dass es immer etwas zu entdecken gibt. Dazu kommen viel Humor, Wonyans wunderbar schlechte Laune und eine stimmige Atmosphäre. Der Soundtrack bleibt eher dezent, passt aber hervorragend zum Spiel. Unser Buch war fertig – abreisen wollten wir trotzdem noch lange nicht.


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