
Für Directive 8020 beginnt Jason Graves nicht mit klassischem Weltraum-Horror, sondern mit freundlicher Corporate-Musik. Doch aus wenigen harmlosen Noten wächst ein Soundtrack, der sich verdreht, verformt und immer bedrohlicher wird.
Mit Directive 8020 verlagert Supermassive Games seinen interaktiven Horror in die Isolation des tiefen Weltraums. Doch für Komponist Jason Graves begann die musikalische Arbeit an dem Spiel nicht mit Dunkelheit, Druck oder typischem Sci-Fi-Horror. Der erste Impuls kam aus einer überraschend freundlichen Richtung: Corporate Music. Graves arbeitet inzwischen seit mehreren Spielen mit Supermassive Games zusammen und bekommt früh Einblicke in das jeweilige Projekt. Bei Directive 8020 erklärte ihm Audio Director Barney Pratt zunächst, dass die Sounds des Schiffs mit FM-Synthese gestaltet werden. Diese Form der Synthese eigne sich besonders gut für metallische, glockenartige und sterile Klänge – also genau für eine kalte, technische Umgebung im All.
Statt eines düsteren Hauptthemas sollte Graves aber zuerst eine Art Markenklang entwickeln. Etwas Helles, Freundliches, fast Optimistisches. „Sie wollten Corporate Music“, erzählt Graves. Für ihn war das überraschend, aber auch reizvoll, weil er früher selbst lange in diesem Bereich gearbeitet hatte.
So entstand eine synthetische „Willkommen in der Familie“-Musik, die zunächst Sicherheit ausstrahlt. Die ersten drei Noten dieser Corporate-ID ziehen sich anschließend durch den Score – allerdings in veränderter Form. Was am Anfang noch harmlos und freundlich klingt, wird später durch Orchester und Synthesizer verdreht. Aus einem musikalischen Versprechen wird ein Zeichen dafür, dass in dieser Welt längst nicht alles so sicher ist, wie es zunächst scheint.
Stille als Teil des Horrors
Weil Directive 8020 im Weltraum spielt, ist Stille ein wichtiger Bestandteil der Atmosphäre. Für Graves entsteht die Entscheidung, wann Musik einsetzen sollte und wann nicht, im engen Austausch mit Barney Pratt. Gemeinsam betrachten sie Kapitel des Spiels und überlegen zuerst, an welchen Stellen keine Musik nötig ist.
Dabei geht Graves ähnlich vor wie beim Spotting eines Films. Eine Szene oder ein Kapitel könne man nie komplett isoliert betrachten. Entscheidend sei immer, was davor passiert ist und was danach folgt. Wenn später eine große Actionszene oder ein besonders intensiver Moment kommt, kann es sinnvoll sein, die Musik vorher zurückzunehmen, damit sie im richtigen Moment stärker wirken kann.
Bei einem interaktiven Spiel wird das zusätzlich komplexer. Entscheidungen der Spieler können beeinflussen, ob ein musikalischer Cue ausgelöst wird oder nicht. Je nach Handlung kann Musik einsetzen, ausbleiben oder anders reagieren. Graves liefert dafür musikalisches Material und Varianten, während das Entwickler- und Implementation-Team die Musik so programmiert, dass sie zu Entscheidungen, Orten, Kapiteln und Figuren passt.
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Gerade diese Struktur macht den Score so eng mit dem Spiel verbunden. Die Musik steht nicht einfach über den Szenen. Sie muss mit ihnen atmen, auf sie reagieren und manchmal auch schweigen.
Das Cello als Herz des Gestaltwandlers
Wenn Jason Graves einen Klang nennen müsste, der das Herz von Directive 8020 beschreibt, wäre es das Cello. Allerdings nicht in klassischer Form. Wegen der Kreatur im Spiel, die ihre Gestalt verändern kann, suchte Graves nach einem Klang, der selbst instabil wirkt. Dafür spielte er viel Live-Cello ein, jedoch mit gebogenen, langsamen und manchmal schnelleren Tönen. Diese Aufnahmen entstanden mit hoher Samplingrate und wurden anschließend heruntergepitcht. Das Ergebnis klingt fremdartig, organisch und schwer einzuordnen.

„Ein großer Teil des Scores besteht einfach aus Tonhöhen, die sich nach oben und unten biegen“, erklärt Graves. Für ihn ist das eine musikalische Illustration des Gestaltwandlers. Die Musik verschiebt sich ständig, wirkt mal geheimnisvoll und fast angenehm, dann wieder überzogen, bedrohlich und unberechenbar. Im fertigen Spiel klingt das nicht unbedingt wie ein Cello. Trotzdem steckt es tief in der Musik. Graves sagt sogar: „Wenn ich alle Celloparts stummschalten würde, würde wahrscheinlich ungefähr ein Drittel des Scores fehlen.“
Knurrende Becken und ein Score in Bewegung
Neben dem Cello nutzt Graves für Directive 8020 auch ein weiteres verfremdetes Element: ein mit dem Cellobogen gestrichenes Becken. Normalerweise erzeugt das einen sehr resonanten, kreischenden, fast schreienden Klang. Graves bearbeitete ihn jedoch stark im Computer und pitchte ihn weit nach unten. Dadurch wurde aus dem scharfen Ton ein tiefes, knurrendes Geräusch, das sich in seiner Geschwindigkeit und Tonhöhe verändert. Auch dieses Element gehört für ihn zur Idee des Gestaltwandlers. Man weiß nie genau, was dieses Wesen ist, ob es sich gerade verändert oder ob die Musik bereits andeutet, dass etwas nicht stimmt.
So entsteht ein Soundtrack, der sich nicht nur thematisch, sondern auch klanglich permanent bewegt. Töne biegen sich. Geräusche beschleunigen oder verlangsamen sich. Einzelne Elemente wirken vertraut und doch falsch. Genau daraus zieht Directive 8020 seine musikalische Spannung.
Vertrauen als Grundlage für Experimente
Dass Graves solche ungewöhnlichen Ideen ausprobieren kann, hängt auch mit seiner langen Zusammenarbeit mit Supermassive Games zusammen. Das Team gebe ihm viel Freiheit, mit Klang und Form zu experimentieren. Selbst wenn eine Idee etwas abseitiger sei, werde sie meist offen aufgenommen. Über die Jahre sei dadurch ein kreatives Vertrauen entstanden. Graves beschreibt es als eine Sicherheit, die ihm erlaubt, Grenzen auszutesten, ohne ständig Angst zu haben, dass eine ungewöhnliche Idee das Vertrauen in seine Arbeit gefährdet. Im Mittelpunkt stehe immer die Frage, was dem Spiel am meisten hilft.
Diese Freiheit zeigt sich auch in einem Stück, das Graves besonders mag: „Young at Heart“. Es hängt eng mit Breanne Young zusammen, der Hauptfigur von Directive 8020. Ihr Thema wird in „Young Eyes Open“ vorgestellt und besteht aus zwei Seiten: einer mysteriösen, leicht traurigen und einer helleren, staunenden Seite.
Für „Young at Heart“ verwandelte Graves dieses Material in ein Jazz-Combo-Stück. Der Hintergrund sind Flashback-Szenen, in denen Breanne mit einer Vaterfigur spricht und im Hintergrund ein Pianist zu hören ist. Statt einer großen cineastischen Klavierfassung sollte die Musik klingen, als gehöre sie in einen Club. Graves griff dafür auf seine eigene Erfahrung mit Jazz-Combos zurück, spielte selbst Schlagzeug und verband das Stück mit Elementen aus Breannes eigentlichem Thema. Nach und nach mischen sich wieder cineastische Bestandteile hinein. So wird aus einem scheinbar kleinen Hintergrundmoment ein musikalischer Verweis auf Erinnerung, Figur und Atmosphäre.
Directive 8020 klingt dadurch nicht einfach nur nach Weltraum-Horror. Der Score beginnt mit einer fast freundlichen Oberfläche, lässt sie bröckeln und verwandelt sie Schritt für Schritt in etwas Fremdes. Genau darin liegt die Stärke von Jason Graves’ Musik: Sie erzählt nicht nur, dass etwas Bedrohliches im All lauert. Sie verändert selbst ihre Form.



